Northeim, 15.11.1992

Zugunglück im Northeimer Bahnhof

Am frühen Totensonntag, in der Nacht vom 14. zum 15. November 1992 ereignete sich kurz hinter dem Northeimer Bahnhof eines der schwersten Zugunglücke der Nachkriegszeit.

Elf Tote und über 50 zum Teil Schwerverletzte forderte die Katastrophe. 

Neben hunderten von Helferinnen und Helfern von Feuerwehren, Sanitätsdiensten und Polizei waren auch das Northeimer THW sowie die Helfer weiterer sechs THW-Ortsverbände im Einsatz.

Das Unglück passierte am Sonntag gegen 1.30 Uhr, als sich von einem Güterzug ein Puffer löst und in das Gleisbett stürzt. Dadurch werden 15 Güterwaggons aus den Gleisen gehebelt und blockieren auch das Gegengleis, auf dem zeitgleich der D 428 Innsbruck - Kopenhagen herannaht.

Der Lokführer des Personenzuges hat keine Chance mehr, den Zug rechtzeitig abzubremsen. Mit unglaublicher Geschwindigkeit bohrt sich seine Lok in den Güterwagen, rast durch ihn hindurch.

Augenzeugen berichteten von einem Knall und einer Stichflamme. Langsam, viel zu langsam kommt der Unglückszug nach mehreren hundert Metern zum Stehen. 

Die Güterwaggons reißen die ersten Wagen des Personenzuges seitlich auf und stoßen sie aus ihrem Gleis. Sie neigen sich, kippen um. Der Schlafwagen stürzt von der Brücke über die B 241. Er durchbricht das Brückengeländer, dreht sich in sich und bleibt kopfüber total zertrümmert am Brückenkopf liegen. Augenzeugen alarmieren die Polizei, leisten Erste Hilfe, unter ihnen auch ein THW-Helfer, der nur wenige hundert Meter entfernt wohnt und Hilferufe hört. Im ersten Wagen kann er zwei jungen Frauen mit Erster Hilfe beistehen. Bei einer dritten kommt jede Hilfe zu spät.

Was jetzt anläuft, ist der größte Katastropheneinsatz der Northeimer Geschichte: die Polizei schirmt den Unglücksort weiträumig von Gaffern ab, die sich auch zu so nächtlicher Stunde die Sensation nicht entgehen lassen möchten. Die Feuerwehren aus Northeim, den umliegenden Ortschaften und Göttingen leuchten einen Teil des Unglücksortes aus und stellen unterhalb der Brücke Leitern an, um die zahlreichen verletzten und unverletzten Bahnreisenden in Sicherheit zu bringen.

Die Sanitätsdienste stehen mit ihren Einsatzfahrzeugen und eilig herbeigerufenen Notärzten bereit, um die Opfer medizinisch zu versorgen und in die umliegenden Krankenhäuser zu transportieren. Unentwegt fliegen Rettungshubschrauber die Schwerverletzten in Spezialkliniken. In aller Schnelle hat man in Bahnhofsnähe mit Zelten und Betten Sammellager errichtet. Unmittelbar nach dem Unglück trifft auch das Northeimer THW ein. Was so oft geprobt wurde, ist nun traurige Wirklichkeit, und bis kurz vor der Unglücksstelle möchten viele Helfern nur an eine Übung denken.

Vorbei an zuckenden Blaulichtern, herumirrenden Verletzten, aufgebahrten Toten erreichen die THW-Helfer die Spitze des Zuges, wo der Lokführer in seiner total demolierten Lok eingeklemmt ist. Während die übrigen Rettungsmannschaften damit beschäftigt sind, im mittleren Bereich des Zuges Verletzte und Tote zu bergen, bereiten die THW-Helfer hier bereits in Absprache mit der Bundesbahn weitergehende Maßnahmen vor. Das Ausmaß dieser Katastrophe stellt auch die THW-Einsatzleiter Klaus Harrigfeld und Zugführer Wilfried Bock vor immer neue Aufgaben.

Zur Unterstützung und zur Ablösung der rund 50 Northeimer THW-Helfer treffen im Laufe der Nacht und des darauf folgenden Tages auch Helfer aus Göttingen, Einbeck, Gieboldehausen, Hann-Münden, Osterode, Bad Lauterberg und Hannover/Langenhagen ein. Binnen weniger Stunden sind rund 250 THW-Helfer im Einsatz.

Die Spitze des Zuges wird taghell ausgeleuchtet, und mit Brennschneidgeräten und Trennschleifern trennen die Helfer die Trümmer des Güterwaggons an der Lok ab, um den Zugang zum toten Lokführer und die Zufahrt für den Hilfszug der DB frei zu machen.

Mit der Winde des GKW wird die Strecke geräumt, und wenige Stunden später zieht eine Diesellok mit Hilfe des THW und der Feuerwehr den deformierten Führerstand der Unglückslok auseinander. Zugleich suchen die Hilfskräfte nach weiteren Verletzten und Toten, schneiden Zugänge zu den zertrümmerten Wagen frei und trennen die Lok mittels Brennschneidgerät vom ersten Wagen. In dieser Nacht haben die THW-Helfer Seite an Seite mit den Kameraden der Feuerwehren und Hilfsorganisationen weiter einmal eine Bewährungsprobe bestanden. 


Fotos: HNA